Qimpuls|KI-Sparring für Geschäftsführer
KI-Führung6 Min. Lesezeit

KI ist angekommen. Steuerung nicht.

Marco Quinter·12. Mai 2026

Drei Viertel der Schweizer Unternehmen berichten heute Produktivitätsgewinne durch KI. Umsatzwachstum bleibt die Ausnahme.

Dieser Satz aus der AI Maturity Study 2026 von ti&m und der Hochschule Luzern, publiziert im Februar 2026, ist der Anfang fast jeder ehrlichen KI-Diskussion in der Schweizer Geschäftsleitung. Er beschreibt die Lage präziser als jede Roadmap und jede Anbieterpräsentation.

Adoption ist 2026 nicht mehr das Problem. Steuerung ist es.

Die Frage für einen Geschäftsführer lautet deshalb nicht: Sollen wir KI einführen? Die Frage lautet: Was läuft heute schon, was rechnet sich davon, und welche Initiativen lassen wir besser stehen?

Was die aktuellen Studien 2026 zeigen

ti&m und die Hochschule Luzern haben Anfang 2026 mehr als 200 Schweizer Unternehmen aus 15 Branchen befragt. Drei Viertel berichten Produktivitätsgewinne. Mehr als 70 Prozent investieren weniger als 5 Prozent ihres IT-Budgets in KI. KI wirkt heute überwiegend in Marketing und Kundenservice, kaum in Produktion oder Logistik.

Porsche Consulting und Fraunhofer FIT haben im März 2026 mehr als 100 Top-Führungskräfte befragt. 95 Prozent haben aktive KI-Initiativen. Nur rund 20 Prozent skalieren über den Pilot hinaus. 44 Prozent messen den wirtschaftlichen Wertbeitrag ihrer KI-Initiativen mit klaren Kennzahlen. Im Mainstream sind es nur 25 Prozent.

Die digitalswitzerland-Studie zusammen mit Google und Implement Consulting Group, publiziert im Januar 2026, beziffert das Schweizer KI-Potenzial mit 80 bis 85 Milliarden Franken Wirtschaftsleistung über zehn Jahre. Das ist die Makroebene. Auf der Mikroebene zählt für eine Geschäftsleitung weniger das Potenzial als die Frage: Welcher Anteil davon entsteht in unserem Betrieb, und durch welche zwei oder drei Initiativen?

Effizienz ist da. Marge folgt nicht von selbst

Die Trennung von Produktivität und Umsatz ist der wichtigste Befund 2026. Eine Stunde, die ein Mitarbeitender durch KI einspart, wird nicht automatisch zu einem Franken mehr Marge. Sie wird zu einem Franken Marge, wenn die freigewordene Kapazität in einen messbaren Prozess fliesst.

In der Praxis passiert oft das Gegenteil. Die Zeit wird sichtbar gespart, aber unsichtbar wieder gebunden. In weitere Diskussionen, in Tool-Vergleiche, in Schatten-Initiativen, in nachträgliche Korrekturen von KI-Output. Genau hier setzt das Porsche-Fraunhofer-Argument an: Wer nicht misst, entscheidet nicht.

Aus 20 Jahren Geschäftsleitungserfahrung weiss ich: Im Konzern verschiebt eine Fehlinvestition den Quartalsabschluss. Im KMU verschiebt sie das Geschäftsjahr.

Industrie zeigt die strukturelle Schere

Ein Strukturbild, das auch 2026 noch trägt, kommt aus der ETH-Swissmem-Studie vom Juli 2024. 208 Firmen aus dem verarbeitenden Gewerbe wurden befragt. 28 Prozent hatten zum Erhebungszeitpunkt eine spezifische KI-Strategie. 51 Prozent hatten KI in der Produktion nicht einmal erwogen.

Diese Zahlen sind älter als die anderen in diesem Beitrag. Aber sie beschreiben eine Strukturlage, die sich in 18 Monaten nicht grundsätzlich verschoben hat. Office-KI in Korrespondenz, Übersetzung oder Marketingtexten ist heute Realität. Die Marge sitzt aber selten in der Office-Korrespondenz. Sie sitzt in der Offerten-Geschwindigkeit, in der Wartungsplanung, in der Qualitätssicherung, in der Disposition. Genau dort, wo die Studien weiterhin Lücken zeigen.

Die KOF-Konjunkturforschungsstelle der ETH hat im Oktober 2025 in einer Mitteilung festgehalten, dass KI bereits deutliche Spuren auf dem Schweizer Arbeitsmarkt hinterlässt. Grössere Unternehmen ziehen schneller voran. Die Kluft zwischen den Schweizer KMU wächst. Wer 2026 in Reihenfolge und Steuerung investiert, nicht in den Tool-Wettlauf, holt auf.

Was Steuerung konkret heisst

Steuerung ist kein Beraterwort. Sie ist ein operativer Vorgang mit vier Schritten.

Inventar. Welche KI-Anwendungen laufen heute im Unternehmen? Wer hat sie eingeführt? Wer entscheidet darüber? In welchen Tools liegen welche Daten? Diese vier Fragen lassen sich in einem halben Tag beantworten. Wer sie nicht beantwortet, steuert nicht. Er hofft.

Drei Hebel. Welche zwei oder drei Initiativen haben den schnellsten Effekt auf einen Kernprozess? Nicht zehn. Nicht fünf. Zwei oder drei. Jede mit einem namentlichen Eigentümer, einem Messziel und einem Datum für Start, Stopp oder Skalierung.

Stop-Liste. Welche Initiativen laufen heute, ohne dass jemand das verteidigen könnte? Welche Piloten beschäftigen Mitarbeitende, ohne dass die GL den Geschäftsnutzen sieht? Eine Stop-Liste ist nicht Vorsicht. Sie ist die einzige Möglichkeit, Kapazität für die drei Hebel freizustellen.

Regeln. Welche Daten dürfen in welches Tool? Wer entscheidet im Zweifel? Der EDÖB hat im Mai 2025 klargestellt, dass das geltende Datenschutzgesetz direkt auf KI-gestützte Datenbearbeitungen anwendbar ist. Die Regeln müssen knapp sein, vorlagefähig für die GL und bekannt bei den Mitarbeitenden. Nicht zehn Seiten. Eine.

Ein konkretes Beispiel

Ein Schweizer Industrie-KMU mit 180 Mitarbeitenden und drei Produktionsstandorten. Im Vertrieb nutzen drei Mitarbeitende ChatGPT für Offertentexte. Im Service hat der Werkstattleiter ein Copilot-Abonnement auf eigene Faust gestartet. Das Marketing testet ein KI-Tool für Übersetzungen. Die IT bereitet einen Pilot für ein Wartungs-Vorhersagesystem vor. Vier Initiativen, vier verschiedene Verantwortliche, kein gemeinsames Bild.

Die Geschäftsleitung wusste von zwei der vier Initiativen. Von einer hatte sie nur Gerüchte gehört. Die vierte kannte sie gar nicht.

Ein halber Tag Inventar zeigt: Die Wartungs-Vorhersage braucht Sensordaten, die nicht vorliegen, und ist 18 Monate zu früh. Die Marketing-Übersetzung läuft gut, kostet wenig, bleibt. Der Werkstatt-Copilot ist eine Datenschutz-Lücke, weil dort Servicedaten von Kunden verarbeitet werden ohne Freigabe. Der Vertriebs-Einsatz ist der stärkste Hebel und verdient den Fokus.

Drei Entscheide: Wartungs-Vorhersage pausieren. Werkstatt-Copilot stoppen, Regeln klären, kontrolliert neu starten. Vertrieb mit Messlogik ausstatten und auf alle Vertriebsmitarbeitenden ausweiten.

Kein neues Tool. Kein neues Budget. Eine geordnete Reihenfolge.

Fazit

KI ist in Schweizer Unternehmen angekommen. Sie ist verstanden, breit genutzt und in vielen Geschäftsleitungen ein laufendes Gespräch. Drei Viertel berichten Produktivitätsgewinne. 80 Prozent der Initiativen kommen aber nicht über den Pilot hinaus.

Was selten angekommen ist: die Steuerung. Inventar, Reihenfolge, Stop-Liste, Regeln. Diese vier Dinge entscheiden, ob aus KI-Aktivität Wirkung wird oder ob das Unternehmen am Ende des Jahres mit mehr Tools, mehr Diskussion und der gleichen Marge dasteht.

Ein Geschäftsführer muss nicht jedes Tool verstehen. Er muss aber wissen, welche zwei oder drei Initiativen einen echten Prozesshebel haben, und welche heute nur Aufmerksamkeit binden.

Handlungsfrage für die Geschäftsleitung: Wenn Sie heute einen Geschäftsleitungssitzungs-Punkt für KI-Steuerung ansetzen würden, könnten Sie die vier Fragen aus dem Inventar beantworten? Wenn nicht: Was fehlt zuerst?

Klären wir Ihren konkreten Handlungsbedarf.

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QUELLEN

  • ti&m + Hochschule Luzern, AI Maturity Study 2026, Februar 2026, >200 Schweizer Unternehmen aus 15 Branchen
  • Porsche Consulting / Fraunhofer FIT, Mit Daten und KI Rendite generieren, März 2026, n>100
  • digitalswitzerland / Google / Implement Consulting Group, Accelerating innovation with AI in Switzerland, Januar 2026
  • KOF Konjunkturforschungsstelle ETH Zürich, Mitteilung Oktober 2025: KI hinterlässt Spuren auf dem Schweizer Arbeitsmarkt
  • EDÖB, Mitteilung Mai 2025: Geltendes Datenschutzgesetz ist direkt auf KI anwendbar
  • ETH Zürich + Swissmem, KI-Studie verarbeitendes Gewerbe Schweiz, n=208, Juli 2024 (Strukturreferenz)

Marco Quinter begleitet Schweizer Geschäftsführer bei strategischen KI-Entscheidungen. Verwaltungsrat, ehemaliger CBO und CIO. Heute aktiver Sparringspartner für Schweizer KMU.